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NETZZEITUNG.DE vom 25. Mai 2001, ergänzt am 05. Juni 2001
Ein neuer Ausblick für Online-Zeitungen
BERLIN. Die in Koblenz erscheinende "Rhein-Zeitung" hat am Donnerstag erstmals ihre komplette gedruckte Ausgabe in einem neuen Online-Format in das Internet gestellt. Die Erscheinungsform ist im Internet neu und Zeitungslesern dennoch vertraut.
Titelkopf, Spalten, Fotos – alles an "E-Paper" sieht aus wie auf Papier. Das "Look and Feel", wie Entwickler die Mimik eines elektronischen Produkts nennen, gleicht einer aufgeschlagenen Zeitung.
"Wir wollten ein Produkt haben, das eine navigierbare Version des Printprodukts abbildet", sagt Joachim Türk, Geschäftsführer der Online-Tochter des Mittelrhein-Verlags, die auch die seit Jahren am Markt etablierte "RZ-Online" herausgibt.
Ist das "e-Paper" im Rechner aufgeschlagen, funktioniert die Navigation intuitiv. Eine verkleinerte Ansicht der Seite bietet den Überblick, und streicht der Bildschirmleser mit der Maus über die Artikel, zeigt die Seite Details wie Überschriften und Texte an.
Gelernte Navigation
Damit ergeben sich neue Kriterien für die Leser, denn die Position innerhalb der Seite, ein gestalterisches Element wie ein großes, schmückendes oder dramatisches Foto oder eine Glosse bestimmen die Orientierung bereits beim ersten Anblick in der Auswahl, Wichtiges von weniger Wichtigem, Interessantes von Nebensächlicherem zu unterscheiden. "Ganz so, wie die Zeitungsleser es schon seit Langem gelernt haben", sagt Türk.
Der "Rhein-Zeitung" ist dabei wichtig, ihr eigenes Print-Geschäft nicht zu kannibalisieren. Eine Studie der Universität Marburg weist darauf hin, dass Menschen mit Internet doppelt so häufig Abonnements kündigen wie jene, die kein Internet zur Verfügung haben. Das "E-Paper" gibt es nur für Printkunden. Für die Gratis-Kundschaft stellt der Verlag weiterhin RZ-Online bereit.
Die "Rhein-Zeitung" geht davon aus, dass sich bis zum Ende des Jahres rund 10.000 Abonnenten für die Online-Lektüre der Zeitung registrieren lassen. "Manchen reicht auch die Zeitung auf dem Bildschirm", sagt Türk. "Die wollen das Papier gar nicht."
Verkaufte Auflage steigern
Hintergrund des Alleingangs der Zeitung ist die verlagskaufmännische Überlegung, die elektronische Ausgabe in die Auflagenzählung einzubeziehen. Die IVW (Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern), die jene für Anzeigenkunden relevanten Reichweiten feststellt, prüft gerade, ob elektronisch vertriebene Printprodukte ebenfalls in die Auflagenzählung einbezogen werden dürfen. "In den USA wird dies bereits getan", sagte Türk der Netzeitung.
Sollte die IVW wie erwartet im Herbst darüber beraten, auch elektronische Ausgaben in die Zählung aufzunehmen, müssen bestimmte Voraussetzungen für diesen Schritt erfüllt werden. Wie IVW-Sprecher Gerhard Gosdzick am Donnerstag sagte, ist es wichtig, dass das digitale Produkt dem gedruckten Produkt entspricht. "Die Anzeigenbelegungseinheiten müssen identisch sein." Im Klartext: Das Produkt muss gleich aussehen. Hans Günther Rüsch ist bei der IVW mit diesen Fragen befasst. "Die Crux wird zudem sein, ob die Liefernachweise seitens der Verlage der IVW zur Verfügung gestellt werden können. Schließlich will der Anzeigenkunde auch wissen: Hat der Kunde das auch bekommen?"
Flächenanzeigen im identischen Umfeld
Zumindest das Kriterium des identischen Umfelds erfüllt "E-Paper" problemlos, und der Verlag betont, "die Flächenanzeigen können außerdem noch mit einer Internet-Adresse verknüpft werden." Auch die Kleinanzeigen sind im Netz leicht zu lesen und zu überblicken. Darüber hinaus erweitern Suchfunktionen Möglichkeiten des Printprodukts.
Zunächst wird "E-Paper" ein Service für Abonnenten sein. "Wenn die IVW uns in die Zählung aufnimmt", sagt Türk, "können wir 'E-Paper' aber auch solo anbieten." Im Abo würde sich der Preis dem Print annähern – eine weitere Voraussetzung der IVW. "Was im Print 40 Mark kostet, darf im Netz nicht für fünf Mark vertickert werden, selbst wenn wir das wollten und sich interessantere Preismodelle gestalten ließen", sagt Türk. In den kommenden drei Monaten wird das Angebot kostenlos sein. Für Abonnenten soll es auch kostenlos bleiben, so die Planung. Noch aber hat sich die Verlagsgeschäftsführung nicht auf weitere Preise festgelegt.
Kurze Entwicklungszeit für eine Million Mark
Mit der Entwicklung des Publikations-Systems hat die "Rhein-Zeitung" lediglich ein halbes Jahr zugebracht. Anfang des letzten Jahres war ein Tochterunternehmen beauftragt worden, im Dezember war die lauffähige Version fertig. "Wir sind erst jetzt damit herausgekommen, weil der Verlag auch mit anderen Projekten beschäftigt ist", sagt Türk.
Bei Tagungen der Newspaper Asia Conference in Singapur und in den Vereinigten Staaten wurde das Produkt durchgängig sehr gut aufgenommen. Klaus von Prümmer, Chefredakteur und IT-Direktor der IFRA (führende internationale Organisation für Medientechnologie, 1300 organisierte Verlage in 70 Ländern) wusste zu berichten: "Es herrscht durchgängig die Vorstellung, dass Zeitungen sich im Internet am besten als Zeitungen profilieren können. Es sieht so aus, als lägen Sie im kommenden Trend."
"Wir haben bewusst nicht auf eine graphische Version gesetzt, mit der zum Beispiel die 'New York Times' im Herbst herauskommen will", sagte Türk. Dieses andere, von der Firma Newsstand entwickelte Verfahren war den Koblenzern jedoch zu graphisch und zu sehr an das PDF-Format orientiert. "Wir wollten ins Internet und haben uns deshalb etwas Eigenes ausgedacht. Das PDF-Konzept ist schon lange gescheitert. PDF ist auch langweilig."
Das Patent dürfte künftig auch andere Verlage interessieren, und Türk schließt nicht aus, das Produkt auch zum Kauf anzubieten. "Unser Kerngeschäft wird es jedoch nicht werden. Es gibt aber einen Riesen am Markt, der bereits interessiert ist. In einem Geschäftsmodell dieser Größenordnung könnten wir uns das dann vorstellen." Natürlich würde die "Rhein-Zeitung" keinen potentiellen Konkurrenten beliefern. "Doch an die Süddeutsche würden wir das System schon verkaufen."
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