Pressemeldung

Quelle: Focus 14/2002 S. 142f

Blättern am Bildschirm

Zeitungen präsentieren ihre Originalausgaben bildschirmfüllend im Internet und testen damit auch kostenpflichtige Dienste

In der Fußball-Oberliga-Südwest zittern die Abwehrreihen vor Peter Behr. Der Stürmer ist ein echter "Knipser": ! Nervenstark jagt er das Leder im Akkord in die Maschen. Die "Rhein-Zeitung" (RZ) präsentiert nach jedem Wochenende das Torkonto des Balltreters vom FSV Salmrohr - wie gewohnt in Papierform, aber auch eingebettet in komplette Zeitungsseiten im Internet. "Gefragtester Text im Netz war im Februar ein Artikel über die Torjäger­liste der Oberliga", erinnert sich RZ-On­line-Geschäftsführer Joachim Türk. Die Leserlust auf Kickerkünste spült Geld in die Kassen: 1300 Abonnenten wollen die Originalversionen von 18 Ausgaben auf dem Monitor lesen und packen auf den Abopreis von rund 19 Euro zwei Euro pro Monat drauf.

Kohle für den Klick. Das News-Paket, welches das rheinland-pfälzische Blatt im Web schnürt, spiegelt einen Trend: Zahlreiche Verlage zeigen ihre Zeitungen bereits bildschirmfüllend im Original­layout im Internet oder planen einen der­artigen Web-Auftritt - wie die "Sächsische Zeitung", die "Financial Times Deutsch­land", die "Süddeutsche Zeitung" und die "New York Times". Behutsam berei­ten diese kostenpflichtigen Dienste die Internauten auf das Ende der Gratisära vor. "Bislang lässt sich mit Online-Nach­richten kaum Geld verdienen, da man im Netz an jeder Ecke auf Meldungen stößt. Die sind aber meist von schlechter journalistischer Qualität, wenn sie nicht von den großen News-Diensten stam­men", meint der Eichstätter Medienwis­senschaftler Christoph Neuberger.

Vom Nachrichten-Wirrwarr wollen sich die etablierten Zeitungshäuser jetzt abheben. Ihre fundierte aktuelle Be­richterstattung ist gerade für Leser im Ausland attraktiv. 2700 Abonnenten der "New York Times" zahlen bis zu 6,70 Euro die Woche für den täglichen Blick in die elektronische Ausgabe. Viele von ihnen wohnen außerhalb der USA.

Auch FOCUS und "Spiegel" wagen erste kostenpflichtige Experimente: Bei­de stellen ihre Titelgeschichten vom Montag schon ab Samstagnachmittag im Original ins Netz, zum Preis von 50 Cent. "Wir bieten die Storys vorerst frei von Werbung an", erklärt FOCUS-Online-Chefredakteur Jürgen Marks.

Die Online-Offensive zielt nicht nur auf Stammleser. Christoph Weger, Lei­ter des Elektronikangebots der "Financial Times Deutschland", plant in den kommenden Monaten kostenpflichtige Services auch für Nichtabonnenten - etwa den Zugriff auf das Print-Archiv oder die aktuelle Zeitung. "Der Preis für die Originalausgaben im Netz wird unter dem der gedruckten Zeitung liegen", verspricht der 33-Jährige.

Die Aufbereitung der Inhalte für das Internet ist allerdings nicht billig. "Wir haben gut 500000 Euro investiert", erklärt RZ-Online-Geschäftsführer Türk. Zudem stellt sich den Verlagen die Fra­ge, ob auch Bilder und Anzeigen im Netz veröffentlicht werden sollen. Unter ande­rem wegen ungeklärter Urheberrechts­fragen zögert die " Süddeutsche Zeitung" den Start ihrer elektronischen Ausgabe bis zum vierten Quartal dieses Jahres hinaus: Eventuell müssen wir Sonderhonorare an unsere Fotografen zahlen", fürchtet Andre Sonst, Geschäftsführer des Online-Auftritts der "Süddeutschen".

Mit großem Interesse verfolgen Medienforscher wie Christoph Neuberger die Anstrengungen der Verlage: "Informationen, die der Leser sich vor der Veröffentlichung einer Druckausgabe sichern kann, könnten ein Erfolg versprechendes Modell sein." Die pure Präsentation der Druckausgabe im Netz begeistert ihn jedoch nicht: "Winzige Artikel auf dem Monitor zu zeigen - das bringt nichts."

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